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Botschafter a.D Shi Mingde: Rückwärtsentwicklung der Beziehungen zwischen China und Europa ist keine Lösung

(German.people.cn)

Donnerstag, 17. Dezember 2020

  

Von Zhang Liou und Zhang Yue, Beijing

Der 66-jährige Shi Mingde war 47 Jahre Diplomat - 28 Jahre davon in Deutschland. Von 2012 bis 2019 war er Botschafter der VR China in der Bundesrepublik Deutschland und konnte die rasante Entwicklung der bilateralen Beziehungen miterleben und mitgestalten.

Als Präsident der Gesellschaft für die Chinesisch-Deutsche Freundschaft sprach der Diplomat kürzlich mit People’s Daily Online in Beijing über die chinesisch-deutschen, die chinesisch-europäischen sowie die transatlantischen Beziehungen in der Post-Pandemie-Ära.


Botschafter a.D Shi Mingde beim Interview mit People´s Daily Online. (Foto: Zhang Yue, People´s Daily Online)

Über die chinesisch-europäischen Beziehungen

Die COVID-19-Pandemie hat einen erheblichen Einfluss auf die gesamte internationale Situation, einschließlich auf die chinesisch-deutschen Beziehungen. Sie hat auch unser Verständnis gegenüber der Welt stark verändert.

Wir brauchen keinen Kalten Krieg. Der Kalte Krieg bedeutet ein Nullsummenspiel, bei dem es keine Gewinner, nur Verlierer geben kann. Wir brauchen keine geteilte Welt. Die Globalisierung hat uns zu einer Interessegemeinschaft und einer Schicksalsgemeinschaft der Menschheit gemacht. Nur durch Kooperation können wir eine Win-Win-Situation erreichen. Nur durch Kooperation können wir Herausforderungen begegnen und Schwierigkeiten überwinden. Rückwärtsentwicklung ist keine Lösung.

Die Pandemie hat Chinas und Europas Ideen in Bezug auf die Globale Governance verstärkt. Dazu zählt das Festhalten am Multilateralismus, insbesondere die gemeinsame Bekämpfung der Pandemie, die Wiederherstellung der Weltwirtschaft, die Aufrechterhaltung globaler Industrie- und Lieferketten und die Förderung der Zusammenarbeit im Bereich des Klimawandels. Der Wunsch und die Nachfrage nach Zusammenarbeit und die gemeinsamen Interessen haben zugenommen.

Über die Kooperation zwischen China und Deutschland

Die Pandemie hat die jeweiligen Volkswirtschaften und die gegenseitigen Beziehungen Chinas und Deutschlands stark betroffen. China und Deutschland sind auch die beiden ersten Länder, die Arbeit und Produktion sowie Handel und Personalaustausch wieder aufgenommen haben. Vor dem Hintergrund eines stark schrumpfenden Weltautomarktes hat Chinas Autobesitz im Jahr 2020 den der Vereinigten Staaten übertroffen und das Land hat sich bereits zum größten Automarkt der Welt entwickelt. Seit dem zweiten Quartal dieses Jahres haben deutsche Autohersteller in China jeden Monat ein zweistelliges Umsatzwachstum erzielt.

China und Deutschland haben sich gegenseitig geholfen, sich gemeinsam für die internationale Zusammenarbeit ausgesprochen und die Arbeit der WHO nachdrücklich unterstützt, was der antiepidemischen Zusammenarbeit der internationalen Gemeinschaft Stabilität verliehen hat.

In jüngster Zeit hat der bilaterale Handel deutlich einen Trend zur Stabilisierung und Verbesserung gezeigt. Deutschen Statistiken zufolge sind die deutschen Importe und Exporte nach und aus China im Juni gegenüber dem Vorjahr um 20,2 bzw. 15,4 Prozent angestiegen. China ist seit vier Jahren Deutschlands größter Handelspartner weltweit, noch vor den USA. Im zweiten Quartal dieses Jahres übertraf China zudem erstmals die USA und wurde Deutschlands größter Exportmarkt.

Nach der Pandemie werden die Beziehungen zwischen China und der EU sowie Deutschland voraussichtlich einen Schritt nach vorne machen.


Im Dezember 2018 begrüßte Botschafter Shi Mingde (zweiter von links) den deutschen Präsidenten Frank-Walter Steinmeier bei dessen Staatsbesuch in China am Flughafen von Beijing. (Foto vom Interviewpartner zur Verfügung gestellt)

China als systematischer Rivale?

Obwohl die Beziehungen zwischen China und der EU weiter voranschreiten, müssen wir auch feststellen, dass die Reibung und der Wettbewerb zwischen China und Europa ebenfalls zunehmen. Hier geht es um eine grundlegende Frage: Wie soll man Chinas Entwicklung und Aufstieg verstehen und damit umgehen? Bringt Chinas Aufstieg Europa mehr Herausforderungen oder mehr Chancen?

China unterstützt stets die Integration Europas und hofft, dass Europa zu einem politischen und wirtschaftlichen Pol in der Welt wird. Eine pluralistische und multipolare Welt kommt der Stabilität zugute, weshalb wir den Unilateralismus ablehnen. China und Europa teilen viele Gemeinsamkeiten in einigen wichtigen globalen Fragen.

In den 42 Jahren seit Chinas Reform und Öffnung war Europa auch der wichtigste Nutznießer. Zum Beispiel ist China der wichtigste Markt für deutsche Autos und Siemens hat fast 100 Joint Ventures in der Volksrepublik. Chinas Entwicklung hat Europa mehr Möglichkeiten gebracht. Bezüglich der Herausforderungen sollte es einen fairen Wettbewerb geben. Wettbewerb ist nicht schrecklich und ein gesunder Wettbewerb auf der Grundlage gemeinsamer Regeln fördert die gegenseitige Entwicklung.


Im Februar 2019 verabschiedete sich Botschafter Shi Mingde vor seiner Rückkehr nach China von Bundeskanzlerin Angela Merkel. (Foto vom Interviewpartner zur Verfügung gestellt)

Über Deutschlands Rolle in der EU

Deutschland ist bereit, eine führende Rolle in der EU zu spielen, macht sich jedoch Sorgen, isoliert zu werden. Deutschland zögert daher, wie es seine Rolle wahrnehmen soll und befindet sich in einem Dilemma. Andere europäische Länder wünschen, dass Deutschland immer mehr Geld beisteuert, aber sind aus historischen Gründen auch über eine mögliche monopolistische Führungsrolle Deutschlands besorgt.

Das innere Problem ist das größte Problem Deutschlands: Erstens muss die wirtschaftliche und soziale Kluft zwischen Ost- und Westdeutschland beseitigt werden. Obwohl Deutschland seit mehr als 30 Jahren wiedervereinigt ist, die wirtschaftliche Kluft zwischen Ost- und Westdeutschland sich verringert hat, sind die Unterschiede doch sehr bemerkbar. Die psychologische Barriere ist auf beiden Seiten immer noch riesig. Zweitens muss das Migrationsproblem gelöst werden. Die daraus resultierenden sozialen, religiösen und anderen Probleme sowie terroristischen Angriffe plagen die Menschen weiterhin und schüren Populismus und rechtsgerichtete Kräfte. Drittens sind politische Parteien immer mehr fragmentiert worden. Traditionelle Parteien sind stark geschrumpft, während aufstrebende Parteien stärker geworden sind. Die Regierfähigkeit der Regierung ist zurückgegangen. Viertens ist die Pandemie schlimmer geworden und die wirtschaftliche Erholung Deutschlands ist langsam. Es ist schwierig für die Bundesregierung und die Landesregierungen, eine Einigung über Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung zu erzielen.


Im Februar 2019 verabschiedete sich Botschafter Shi Mingde vor seiner Rückkehr nach China von Bundeskanzlerin Angela Merkel. (Foto vom Interviewpartner zur Verfügung gestellt)

Über die transatlantischen Beziehungen

Die Vereinigten Staaten legen großen Wert auf Europa und Deutschland und wollen sie in ihre globale Strategie miteinbeziehen, um sich selbst zu dienen. Dies ist der Ausgangspunkt der US-Außenpolitik gegenüber Europa und Deutschland. Dies hat sich seit dem Zweiten Weltkrieg nicht geändert und wird in Zukunft auch so bleiben.

Mit der zunehmenden Stärke und dem größer werdenden Einfluss Deutschlands und dem Fortschritt der europäischen Integration wurden auch das souveräne und selbstständige Bewusstsein Europas und Deutschlands kontinuierlich gestärkt. Trumps Druck und Sanktionen ließen Deutschland glauben, die USA seien unzuverlässig, was ebenfalls die Entschlossenheit Deutschlands inspirierte, sich auf ihr eigenes Schicksal verlassen zu wollen.

Deutsche Politiker freuen sich über Bidens Wahlsieg. Die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland sowie Europa werden sich verbessern, aber die Reibungen zwischen den beiden Seiten im Wirtschafts- und Handelswettbewerb sowie bezüglich der Verteidigungsausgaben und des Energieprojekts „Nord Stream 2“ können nicht überbrückt werden. 

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