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Bundesrat Parmelin: Gesellschaft und Wirtschaft profitieren immens vom Schweizer Bildungssystem

(German.people.cn)

Mittwoch, 05. August 2020

  

von Jeffrey Möller und Shi Wei, Beijing

Im Gespräch mit People's Daily Online skizziert der Schweizer Wirtschafts- und Bildungsminister Guy Parmelin die Vorzüge des dualen Ausbildungssystems der Alpenrepublik. Auch in China hat das Interesse an der Schweizer Berufsbildung in den letzten Jahren verstärkt zugenommen.


Bild: Bundesrat Guy Parmelin (Foto: VBS/DDPS; Sina Guntern & Ueli Liechti)

Die Schweiz genießt in China einen guten Ruf. Dabei wird der kleine Staat im Herzen Europas in der Volksrepublik nicht nur für offensichtliche Gründe wie seine atemberaubende Natur und die gute Schokolade geschätzt, sondern vor allem auch für sein Bildungssystem. Neben den renommierten Universitäten des Landes rückt auch das Schweizer System der dualen Ausbildung immer stärker in den Fokus der Chinesen.

Als Vorsteher des Eidgenössischen Departements für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF) ist der Schweizer Vizepräsident Guy Parmelin aktuell für den Bildungsbereich des Landes verantwortlich. Im Interview mit People's Daily Online erläutert er das nationale Erfolgsrezept der Berufsbildung und schildert die bildungspolitische Zusammenarbeit zwischen China und der Schweiz. 

Das System der dualen Ausbildung hat eine lange Geschichte in Schweiz. Welche Entwicklungen gibt es aktuell in der dualen Berufsbildung? Wo sehen Sie die Vorteile im Vergleich zu Ausbildungssystemen in anderen Ländern und welche Beiträge hat das duale System bei der Ausbildung Schweizer Fachkräfte geleistet?

Die Schweizer Berufsbildung ist eng verknüpft mit den Bedürfnissen der Arbeitswelt. Die Anforderungen an die einzelnen Abschlüsse der beruflichen Grundbildung und der höheren Berufsbildung werden von der Wirtschaft festgelegt. Diese orientiert sich am künftigen Bedarf auf dem Arbeitsmarkt. Die Berufsbildungsangebote orientieren sich an tatsächlich nachgefragten beruflichen Qualifikationen und an den von den Unternehmen zur Verfügung gestellten Arbeitsplätzen. Der Berufsbildungsweg und der allgemeinbildende Weg sind in der Schweiz gleichwertig, aber andersartig. Dieser Mix und die stark ausgebaute Durchlässigkeit des gesamten Schweizer Bildungssystems bringen der Gesellschaft und der Wirtschaft einen konkreten Nutzen: qualifizierte Fach- und Führungskräfte, niedrige (Jugend)-Arbeitslosigkeit und soziale Stabilität.

Wie hoch ist der Anteil der Schulabsolventen, die sich für eine Berufsausbildung entscheiden? Welche Vorteile haben Auszubildende in ihrer künftigen Karriere und wie stehen ihre Berufschancen?

Mehr als zwei Drittel aller jungen Leute entscheiden sich in der Schweiz jährlich für eine Berufslehre. Lernenden ermöglicht die berufliche Grundbildung einen direkten Einstieg ins Berufsleben. Im Anschluss daran bietet die höhere Berufsbildung vielfältige Möglichkeiten zur Höherqualifizierung und bereitet Absolvierende auf Fach- und Führungsfunktionen in der Wirtschaft vor. Gleichzeitig stehen Jugendlichen Dank der hohen Systemdurchlässigkeit alle Türen offen: Von der Berufsmaturität über ein Studium an den Fachhochschulen bis hin zu einem Hochschulabschluss ist alles möglich.

Weltweit lässt sich häufig folgendes gesellschaftliches Phänomen beobachten: Schulabsolvierende finden keine Arbeit, während Arbeitgeber nach Angestellten suchen. Besteht dieses Phänomen auch in der Schweiz bezüglich Ausbildungsstellen? Wie sollte Ihrer Meinung nach die Kooperation zwischen Bildungsämtern, Betrieben und den Berufsschulen aussehen, um die duale Ausbildung zu fördern?

In der Schweiz ist die Berufsbildung eine gemeinsame Aufgabe von Bund, Kantonen und Wirtschaft. Gemeinsam setzen sich die drei Partner für eine qualitativ hochstehende Berufsbildung ein und streben ein ausreichendes Angebot an Ausbildungsplätzen und Bildungsgängen an.

Der Grundsatz der Verbundpartnerschaft und die Zuständigkeiten der Partner sind im Berufsbildungsgesetz und in der Berufsbildungsverordnung geregelt.

Um die duale Berufsbildung weiter zu fördern, müssen wir sie sowohl inhaltlich als auch systemisch laufend weiterentwickeln. Der Bund unterstützt die nötigen Innovationen durch die Berufsbildungsforschung und die Projektförderung. Die Berufsbildungsforschung generiert Steuerungswissen für die laufende Weiterentwicklung und Anpassung der Berufsbildung an neue Herausforderungen. Die Projektförderung unterstützt die Akteure bei der Erprobung neuer, zukunftsorientierter Vorhaben. 

Welche Maßnahmen in der Berufsausbildung plant die Regierung, um dem künftigen Bedarf nach Fachkräften in der Schweiz gerecht zu werden?

Die heutige Arbeitswelt unterliegt einem steten wirtschaftlichen, technologischen und gesellschaftlichen Wandel. Diese Dynamik spiegelt sich namentlich im dualen Berufsbildungssystem mit seinem hohen Arbeitsmarktbezug. Dank der engen Verknüpfung von Theorie und Praxis kann die Berufsbildung sehr flexibel darauf reagieren. Und weil die Wirtschaft für die Entwicklung der Bildungsangebote mitverantwortlich ist, gelingt es uns, Kompetenzen und Qualifikationen bereits während der Ausbildung laufend den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes anzupassen. Dies funktioniert auf allen Stufen: von der beruflichen Grundbildung über die höhere Berufsbildung bis zu den praxisorientierten Fachhochschulen. Um dem Bedarf an Fachkräften gerecht zu werden, ist und bleibt die laufende Weiterentwicklung der Berufsbildung eine Daueraufgabe. Dafür sorgt auch die Initiative www.berufsbildung2030.ch.

Wo finden Austausch und Zusammenarbeit zwischen der Schweiz und China im Bereich der Berufsbildung statt? Gibt es konkrete Kooperationsprojekte oder Pläne für zukünftige Kooperationsmöglichkeiten?

Bereits 2012 wurde mittels eines Memorandum of Understanding (MoU) ein politischer Dialog im Bereich der Hochschulbildung zwischen der Schweiz und China eingeführt. Seit 2017 umfasst dieser auch explizit die Berufsbildung. Bisher haben vier „Sino-Swiss Joint Working Groups on Education“ stattgefunden. Zuletzt reiste im November 2019 Bildungsminister Chen Baosheng in die Schweiz, um am Dialog teilzunehmen. Der regelmäßige Austausch, der abwechslungsweise in der Schweiz und in China stattfindet, bezieht stets interessierte Institutionen aktiv mit ein und bietet so eine Plattform für den direkten Austausch und Wissenstransfer zum Thema Berufsbildung.

Zusätzlich zu diesem offiziellen Dialog besuchen im Schnitt rund 10 chinesische Fachdelegationen pro Jahr die Schweiz, um direkte Einblicke ins Berufsbildungssystem von Experten beim Bund, den Kantonen und der Wirtschaft zu bekommen. Kooperationsprojekte gibt es mit den praxisorientierten Schweizer Fachhochschulen und der Eidgenössischen Hochschule für Berufsbildung (EHB).

Im kommenden Jahr finden außerdem in Shanghai die WorldSkills statt. Die Schweiz freut sich, mit einer starken Präsenz vor Ort zu sein und in diesem Rahmen den Austausch und Wissenstransfer mit China im Berufsbildungsbereich weiter zu vertiefen. 

Aufgrund der Coronavirus-Pandemie mussten Schüler auf der ganzen Welt zu Hause bleiben und im besten Fall online unterrichtet werden. Wo steht die Schweiz in Sachen digitaler Unterricht? Konnte die Pandemie die Schulen des Landes in kurzer Zeit zukunftsfähig machen?

Die Corona-Krise hat die Digitalisierung einen großen Schritt vorangebracht. Wir alle haben während des Lockdowns notgedrungen neue Programme, Formate und Tools kennengelernt oder ausprobiert und auch Berührungsängste mit der digitalen Welt abgebaut. Gleichzeitig mussten Schulen quasi über Nacht auf Fernunterricht umstellen. Unsere Bildungsinstitutionen, Schulleitungen, Lehrpersonen, Schülerinnen und Schüler sowie deren Familien haben sich dabei schnell und unbürokratisch neue Kompetenzen angeeignet sowie große Flexibilität und Kreativität an den Tag gelegt. Der Lockdown hat uns aber auch vor Augen geführt, dass wir beispielsweise die Schulinfrastruktur, die Chancengleichheit, den Datenschutz und die digitalen Kompetenzen von Lehrpersonen und Schülerinnen und Schülern weiter verbessern müssen.

Der Bund geht diese Herausforderungen zusammen mit den Kantonen und weiteren Akteuren aus Bildung, Forschung und Innovation gezielt an. Im gesamten BFI-Bereich laufen bereits Maßnahmen zur Nutzung und Optimierung der Digitalisierungs-Potenziale.

Zentrale Grundlage ist dabei der «Aktionsplan Digitalisierung im BFI-Bereich 2019-2020», den das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI in enger Zusammenarbeit mit Akteuren aus Bildung und Forschung erarbeitet hat. Dieser stärkt in acht Aktionsfeldern die digitalen Kompetenzen. Die in diesem Rahmen lancierten Maßnahmen werden in der BFI-Förderperiode 2021-2024 in Verantwortung der jeweiligen Akteure weitergeführt. 

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