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Michael Müller: Wissenschaftsstandort Berlin setzt auf Kooperation mit China

(German.people.cn)

Donnerstag, 16. Juli 2020

  

von Jeffrey Möller und Zhang Liou, Beijing

Im Interview mit People’s Daily Online betont Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller die Relevanz des internationalen Dialogs und der Zusammenarbeit angesichts der Corona-Pandemie und verrät, in welchen Kooperationsbereichen mit China er eindeutiges Zukunftspotential sieht.

Hauptstädte haben einen ganz besonderen Charakter. Sie sind die Spielfelder des nationalen politischen Betriebs, stehen jederzeit repräsentativ im Rampenlicht. Das verbindet sie weltweit in einer großen Schicksalsgemeinschaft. Die Verbindung der Bundeshauptstadt Berlin mit ihrem chinesischen Pendant Beijing geht jedoch noch darüber hinaus. Bereits seit 26 Jahren pflegen beide Städte eine intensive Partnerschaft mit zahlreichen Kooperationsprojekten.

Gerade im Bereich der Forschung und Entwicklung wollen beide Seiten ihre Zusammenarbeit in Zukunft noch verstärken, macht Berlins Regierender Bürgermeister Müller im Gespräch mit People’s Daily Online deutlich. „Es gibt viele gemeinsame Anknüpfungspunkte, etwa in der Gesundheitsforschung, bei Themen wie Künstliche Intelligenz, Klimaforschung und neue Mobilitätsformen, aber auch im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften.“

Müller erklärt zudem, was Chinesen so am Wirtschaftsstandort Berlin schätzen und skizziert, wie die Stadt eine zweite COVID-19-Welle verhindern will.

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (Bild: Susie Knoll)

Berlin und Beijing verbindet eine langjährige Städtepartnerschaft, anlässlich deren 25-jährigen Jubiläums Sie im vergangenen Jahr persönlich Chinas Hauptstadt besucht haben. Können Sie uns die Partnerschaft kurz vorstellen? Was hat Sie bei Ihrem Besuch am meisten beeindruckt und welche Erwartungen haben Sie an die zukünftige Zusammenarbeit zwischen den beiden Städten?

Beide Städte verbindet eine sehr vielfältige und intensive Partnerschaft – bei Wissenschaft, Forschung und in den Bereichen der Stadtentwicklung, Umwelt, Mobilität, öffentlicher Sicherheit und Wirtschaft, bei Bildung und Schüler- und Jugendaustausch sowie in Kultur und Sport. Die Städtepartnerschaft sorgt für spannende Begegnungen, für gegenseitiges Lernen und für internationale Verständigung. Sie wird getragen von dem großen Engagement einer Vielzahl an Akteurinnen und Akteuren aus den unterschiedlichsten Bereichen der Stadtgesellschaften.

Die Wirtschaftsvertretung von Berlin, die 2018 in Beijing eröffnet wurde, leistet einen wichtigen Beitrag, die wirtschaftlichen Potenziale der Zusammenarbeit bestmöglich zu nutzen. Darüber hinaus arbeiten nahezu alle Berliner Wissenschaftseinrichtungen mit Beijinger Partnerinnen und Partnern zusammen. ALBA Basketball Berlin engagiert sich seit vielen Jahren im Jugend- und Trainerinnen- und Traineraustausch und hat 2014 mit dem Beijinger Basketballverband eine Kooperationsvereinbarung geschlossen. Vor allem die Gegenwartskultur spielt in beiden Städten eine wichtige Rolle und das spiegelt sich auch in der Städtepartnerschaft wider. Anlässlich ihres 25-jährigen Jubiläums wurden in Berlin beispielsweise die Videoausstellung „Micro Era: Medienkunst aus China“ gezeigt und Wagners „Ring des Nibelungen“ in einer deutsch-chinesischen Koproduktion mit der Peking-Oper aufgeführt.

Bei meinem Besuch im vergangenen Jahr haben mich die große Dynamik der Wissenschafts- und Forschungslandschaft, die hohe Innovationskraft und Experimentierfreude der Start-up-Szene und die hohe Verbreitung von E-Mobility-Fahrzeugen, sowohl bei PKW als auch im öffentlichen Nahverkehr, sehr beeindruckt. Aber auch die enorme Kunstfertigkeit der Peking-Oper oder das quirlige Leben in den Hutongs sind mir sehr eindrücklich in Erinnerung geblieben. Ein ganz besonderes und unvergessliches Erlebnis waren natürlich nicht zuletzt die Besuche der Verbotenen Stadt und der Großen Mauer.

Sie bekleiden auch das Amt des Senators für Wissenschaft und Forschung. Berlin ist einer der lebendigsten Wissenschaftsstandorte Europas mit zahlreichen Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Gleiches gilt in China für Beijing. Welche Möglichkeiten gibt es, die wissenschaftliche Zusammenarbeit und den Austausch zwischen den beiden Städten noch zu verbessern?

Berlin setzt stark auf Forschung und Innovation, das sind die Schlüsselressourcen für die Zukunftsentwicklung unserer Metropole. Dafür sind Weltoffenheit und Kooperation mit internationalen Partnern unverzichtbar. Viele Berliner Hochschulen und Institute arbeiten schon lange und eng mit chinesischen Wissenschaftseinrichtungen zusammen, das ist mir auch sehr wichtig für unsere Städtepartnerschaft mit Beijing. Der akademische Austausch hat in den vergangenen Jahren in beide Richtungen zugenommen, Berlin gehört inzwischen zu den beliebtesten Zielen für junge Chinesen, die hier gerne studieren oder promovieren. Im freien Austausch zwischen unseren Wissenschaftsstandorten steckt ein großes Zukunftspotenzial. Es gibt viele gemeinsame Anknüpfungspunkte, etwa in der Gesundheitsforschung, bei Themen wie Künstliche Intelligenz, Klimaforschung und neue Mobilitätsformen, aber auch im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften. Die zunehmende Digitalisierung der Lehre eröffnet uns auch neue Möglichkeiten für Kooperationen. Gerade jetzt in der Corona-Pandemie sehen wir, wie wichtig internationaler Dialog und die Zusammenarbeit über Grenzen hinweg sind.

Sie beschreiben Berlin als eine solidarische und tolerante Stadt, die offen für alle ist. Welche Vorteile bietet der Standort Berlin chinesischen Unternehmen?

Chinesische Unternehmen schätzen am Wirtschaftsstandort Berlin insbesondere die herausragende Forschungs- und Wissenschaftslandschaft und die vielen gut qualifizierten internationalen Fachkräfte mit Chinesisch-Kenntnissen, etwa im IT-Bereich. Besonders attraktiv ist außerdem Berlins Start-up-Landschaft und die hohe Dichte an Inkubatoren und Acceleratoren. Ein großes Plus unserer Stadt ist natürlich auch die hohe Lebensqualität, und die Weltoffenheit, die jedes Jahr viele Menschen aus aller Welt zum Arbeiten und Leben zu uns führt. Die erfolgreiche wirtschaftliche Zusammenarbeit äußert sich auch einem Handelsvolumen von gut 2,5 Milliarden Euro, was China zum wichtigsten Handelspartner von Berlin gemacht hat.

Auch Berlin ist von den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen der COVID-19-Krise nicht verschont geblieben. Welche Maßnahmen hat die Stadt ergriffen, um die Auswirkungen der Pandemie abzumildern? Wie wird es Berlin gelingen, Lockerungen voranzutreiben und gleichzeitig eine zweite Infektionswelle zu verhindern?

Wir haben in Berlin sehr frühzeitig und konsequent reagiert. Durch Kontaktverbote, Abstandsgebote und Hygienerichtlinien, durch das Verbot von Großveranstaltungen, das Schließen gastronomischer Einrichtungen und von Geschäften und auch mit Einschränkungen bei Demonstrationen und Gottesdiensten. All das geschah stets mit Augenmaß und mit der Priorität, die Gesundheit unserer Bevölkerung zu schützen und den Anstieg der Infektionen zu verlangsamen. Gleichzeitig haben wir ein Corona-Notfall-Krankenhaus eingerichtet, um zusätzliche Kapazitäten für den Ernstfall zu schaffen, der glücklicherweise bislang nicht eingetreten ist.

Dank dieser Maßnahmen ist es gelungen, den Anstieg der Neuinfektionen stark abzubremsen und somit eine Überlastung unseres Gesundheitssystems zu verhindern. Dies erlaubt es uns inzwischen zunehmende Lockerungen vorzunehmen. Diese geschehen stets mit Vorsicht und unter dem Vorbehalt der weiteren Entwicklung. Hierfür haben wir ein eigenes Frühwarnsystem entwickelt, das uns hilft, potentielle Fehlentwicklungen rechtzeitig zu erkennen. Mit einem Ampelsystem beobachten wir die Entwicklung der Reproduktionszahl, die Zahl der Neuinfektionen und die Auslastung der Intensivstationen, und können so adäquat reagieren.

Diese Reaktion kann etwa darin bestehen, eine geplante Lockerung doch nicht vorzunehmen, oder auch Lockerungen wieder zurückzunehmen. Ein wichtiger Baustein zur Eindämmung der Pandemie ist außerdem die Teststrategie der Charité mit der wir etwa durch das Screening von Beschäftigten in Kitas oder Krankenhäusern sowie Patientinnen und Patienten mögliche Infektionen frühzeitig identifizieren und neuen Infektionsherden entgegenwirken können.

Die aktuelle Pandemiesituation hat auch das Scheinwerferlicht auf die Möglichkeiten der Digitalisierung gerichtet. Zahlreiche Kulturakteure, darunter die Berlinale und die Berliner Festspiele, haben Online-Veranstaltungen angeboten. Dadurch wurde auch die Relevanz des 5G-Ausbaus noch einmal verdeutlicht. Wie könnte Berlin in diesem Bereich mit China kooperieren?

Die Pandemie wirft aktuell ein besonderes Schlaglicht auf die Möglichkeiten der Digitalisierung, die längst alle Lebensbereiche umfasst hat. Künstlerinnen und Künstler konnten über Streamingangebote ihr Publikum auch im Zeichen des Abstandsgebotes erreichen und das mobile Arbeiten im Homeoffice hat einen enormen Zuwachs erfahren. Auch in meinem Arbeitsalltag haben die Videokonferenzen einen sehr großen Raum eingenommen und viele Abstimmungen vereinfacht. Aber auch unabhängig von den aktuellen Entwicklungen ist die Digitalisierung für Berlin ein enormer Faktor, mit seinen vielfältigen Start-ups und der großen Zahl von Unternehmensgründungen im Digitalbereich. Vor dem Hintergrund hat auch 5G-Mobilfunkausbau für Berlin eine hohe Bedeutung. 

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