23-07-2026
Von Prof. Meng Hong

In den letzten Jahren hat sich die chinesische Wirtschaft rasant entwickelt. Immer mehr hochwertige Technologieprodukte werden hergestellt und exportiert. Damit einhergehend ist der Handelsüberschuss mit europäischen Ländern, insbesondere Deutschland, gestiegen. In diesem Zusammenhang rückt der Wechselkurs des chinesischen Yuan zum Euro verstärkt in den Fokus der öffentlichen Debatte.
Auch Bundeskanzler Friedrich Merz hat dieses Thema zuletzt wiederholt aufgegriffen – unter anderem beim EU-Gipfel, auf der Sommer-Pressekonferenz, in seiner Festrede zur Eröffnung der Adenauer School of Governance an der Universität zu Köln sowie beim jüngsten Treffen mit dem französischen Präsidenten Macron. Dabei betonte er, dass der Yuan gegenüber dem Euro um 25 bis 30 Prozent unterbewertet sei, was chinesischen Exporteuren einen „unfairen Preisvorteil“ verschaffe. Er fordert die EU auf, Druck auf China auszuüben, und verwies als möglichen Lösungsansatz auf das sogenannte „Plaza-Abkommen“.
Die tatsächlichen Wirkungen des Plaza-Abkommens
Das 1985 von den USA, Großbritannien, Frankreich, Westdeutschland und Japan im New Yorker Plaza Hotel unterzeichnete Abkommen hatte zum Ziel, eine Aufwertung des japanischen Yen und der Deutschen Mark gegenüber dem US-Dollar zu erreichen. Die Ergebnisse zeigen, dass der Wechselkurs des Yen zum US-Dollar nach Inkrafttreten des Abkommens kurzfristig tatsächlich stark anstieg: Innerhalb von drei Jahren verdoppelte er sich von etwa 240:1 auf 120:1. Das Handelsdefizit zwischen den USA und Japan verbesserte sich dadurch jedoch nicht wesentlich; im Gegenteil, es betrug 1985 noch 49,9 Milliarden US-Dollar und stieg in den folgenden zwei Jahren auf 55,8 bzw. 60,8 Milliarden US-Dollar an.
Die Nebeneffekte dieses Abkommens sind nicht zu vernachlässigen: In den darauffolgenden Jahren brachen die westdeutschen Exporte massiv ein, was die stark vom Außenhandel abhängige westdeutsche Wirtschaft erheblich beeinträchtigte.
Noch schwerwiegender war die wirtschaftliche Lage in Japan. Um der Aufwertung des Yen und dem Rückgang der Exporte entgegenzuwirken, entschloss sich die japanische Regierung zu einer extrem lockeren Geldpolitik: Die Zentralbank senkte die Leitzinsen von 5 % auf 2,5 %. In der Folge strömten enorme Mengen ausländischen Kapitals in den japanischen Immobilien- und Aktienmarkt, was zur Entstehung massiver Vermögensblasen führte. Das Platzen dieser Blasen innerhalb von fünf Jahren löste eine fast drei Jahrzehnte andauernde schwere wirtschaftliche Stagnation in Japan aus.
Im Laufe der Zeit erkannte man, dass die Ursache des handelspolitischen Ungleichgewichts zwischen den USA und Japan vielmehr in der innerstaatlichen Wirtschaftsstruktur der USA – mit ihrem hohen Konsum und der niedrigen Sparquote – sowie im sogenannten „Triffin-Dilemma“ des US-Dollars als internationaler Reservewährung zu suchen war.
Nun greift Bundeskanzler Merz ausgerechnet auf dieses Abkommen zurück. Angesichts der bevorstehenden Landtagswahlen in zwei ostdeutschen Bundesländern sowie in der Hauptstadt Berlin, die in etwa zwei Monaten stattfinden, mag seine Kritik an der Wechselkurspolitik Chinas – des derzeit wichtigsten Handelspartners Deutschlands – zwar kurzfristig die öffentliche Aufmerksamkeit von den eigenen unzureichenden Regierungserfolgen ablenken, doch löst sie nicht die wahren Ursachen der Probleme.

New Yorker Plaza Hotel (Foto: Daniele Schina/VCG)
Nachlassende Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft
Laut Angaben des Statistischen Bundesamtes erholte sich das deutsche Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2025 leicht, nachdem es in den beiden Vorjahren stagniert oder sogar geschrumpft war. Dennoch blieb das Wachstum deutlich hinter dem der anderen Volkswirtschaften der Eurozone zurück: Gemeinsam mit Finnland belegte Deutschland mit einem BIP-Anstieg von lediglich 0,2 Prozent den letzten Platz.
Einer am 3. Juni 2026 von der OECD veröffentlichten Wirtschaftsprognose zufolge belief sich das Wachstum der deutschen Wirtschaft im ersten Halbjahr dieses Jahres auf lediglich 0,7 Prozent, während die chinesische Wirtschaft ein Wachstum von über 4,5 Prozent verzeichnete.
In den vergangenen Jahren hat die deutsche Wirtschaft erheblich unter den veränderten internationalen und geopolitischen Rahmenbedingungen sowie ihren langjährigen strukturellen Problemen gelitten. Die Fertigungsindustrie stagniert seit Jahren. Produkte „Made in Germany“ haben deutlich an internationaler Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt.
Die Energiepreise sind infolge der Ukraine-Krise drastisch gestiegen. Die Zollpolitik der Trump-Regierung gegenüber der EU hat Deutschland als wichtigen Handelspartner der USA besonders hart getroffen. Hinzu kommen der Rückstand bei der digitalen Transformation und die ausgeprägte Bürokratie, die innovative Errungenschaften deutscher Unternehmen behindern. Die zunehmende Alterung der Bevölkerung und die damit verbundenen steigenden Sozialversicherungskosten hemmen zudem Deutschlands wirtschaftliche Aufholjagd.
Seit ihrem Amtsantritt investiert die Merz-Regierung massiv in die Rüstungsindustrie, mit dem Ziel, Deutschland erneut zur militärischen Führungsmacht in Europa zu machen. Dabei konzentriert sie sich weder auf eine rasche Verbesserung des Wirtschaftsumfelds noch auf ein aktives Engagement für eine friedliche Lösung der Ukraine-Krise.
Die wachsende Zahl von Unternehmensschließungen und die stetig steigenden Lebenshaltungskosten führen in Deutschland zu gesellschaftlicher Verunsicherung und Unzufriedenheit sowie zu politischer Fragmentierung und Radikalisierung. Die erst vor 13 Jahren gegründete rechtspopulistische Partei AfD ist laut aktuellen Umfrageergebnissen inzwischen sogar zur stärksten politischen Kraft Deutschlands aufgestiegen und hat damit Merz‘ Regierungsparteien CDU/CSU überholt.

Friedrich Merz (Archivfoto von VCG)
Suche nach einer dauerhaft wirksamen Lösung
Der Wechselkursmechanismus des Yuan folgt einer inneren Logik und lässt sich nicht ohne Weiteres durch äußeren politischen Druck verändern. Statistisch betrachtet wertete der Yuan in den ersten fünf Monaten des Jahres 2026 gegenüber dem Euro leicht auf – von 0,12 am 1. Januar auf 0,13 am 30. Mai. Dennoch stieg der Handelsüberschuss Chinas gegenüber Deutschland weiter an, anstatt zu sinken.
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes belief sich der deutsche Importüberschuss im Handel mit China im selben Zeitraum auf 42,8 Milliarden Euro – bedingt durch einen Rückgang der deutschen Exporte nach China sowie einen Anstieg der Importe aus China. Zum Vergleich: Im Zeitraum Januar bis Mai 2025 hatte dieser Überschuss noch bei 33,5 Milliarden Euro gelegen.
Aus ökonomischer Sicht haben Wechselkursänderungen zwar unmittelbare Auswirkungen auf die Kosten und Gewinne von Import- und Exportgütern. In der Praxis ist dieser Mechanismus jedoch mit mehreren Einschränkungen verbunden:
Erstens machen sich die Auswirkungen von Wechselkursänderungen auf die Handelsbilanz in der Regel erst mit einer zeitlichen Verzögerung von etwa einem Jahr bemerkbar. Hinzu kommt, dass die derzeitige Handelsstruktur Chinas überwiegend von der verarbeitenden Industrie geprägt ist und viele chinesische Verarbeitungsbetriebe in globale Wertschöpfungsketten eingebunden sind. Auf- und Abwertungen des Yuan wirken sich daher gleichzeitig auf die chinesischen Importe und Exporte aus, wodurch der Nettoeffekt deutlich abgeschwächt wird.
Zweitens sind die Ursachen für das Handelsungleichgewicht zwischen beiden Ländern eher in strukturellen Faktoren ihres industriellen Wettbewerbsumfelds zu suchen: Die deutschen Automobilexporte nach China sind seit ihrem Höchststand im Jahr 2022 um mehr als 60 Prozent eingebrochen, während China in Bereichen wie Elektrofahrzeugen, Anlagen für erneuerbare Energien und Maschinenbau einen rasanten Aufstieg verzeichnet. Hinzu kommt, dass die deutsche Fertigungsindustrie stark auf wichtige Rohstoffe wie Chips und Seltene Erden aus China angewiesen ist. Die „De-Risking“-Strategie der Bundesregierung gegenüber China hat jedoch den Export hochtechnologischer deutscher Produkte nach China eingeschränkt und dadurch die wettbewerbsstärksten Exportgüter Deutschlands beeinträchtigt.
Drittens hat die industrielle Aufwertung in China den Prozess der Importsubstitution beschleunigt. Insbesondere in den Bereichen Photovoltaik, Solarzellen und Maschinenbau hat sich die Wettbewerbsfähigkeit chinesischer Unternehmen dank kontinuierlicher Investitionen in Forschung und Entwicklung erheblich verbessert. Infolgedessen sind immer mehr chinesische Produkte technologisch fortschrittlicher und zugleich kostengünstiger als ihre deutschen Pendants, was ihnen selbst bei deutschen Verbrauchern zu wachsender Beliebtheit verholfen hat.
Die komplexen strukturellen wirtschaftlichen Probleme auf eine reine Wechselkursfrage zu reduzieren, entspricht weder den ökonomischen Gesetzmäßigkeiten noch trägt es zu einer grundlegenden Lösung bei. Langfristig wäre es deutlich vorteilhafter, wenn Deutschland verstärkt auf industrielle Modernisierung, institutionelle Reformen und die weitere Öffnung seines eigenen Marktes gegenüber China hinarbeitet. Die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern erfordert nicht zuletzt eigene, zeitgemäße und zielgerichtete Reformen. Nur so kann sie zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen.
(Die Autorin ist Senior Research Fellow an der School of Global and Area Studies und am Centre for European Studies sowie Direktorin des Deutschen Forschungsprojekts am European Joint Research Institute des MOE, Renmin-Universität China. Die Meinung der Autorin spiegelt nicht notwendigerweise die Position unserer Webseite wider.)