22-05-2026
Vor Kurzem verabschiedete das französische Parlament einstimmig eine Resolution zur Rückgabe von Kunstwerken, die während der Kolonialzeit geraubt wurden. Auch in Deutschland, insbesondere seit der Ampelregierung unter Bundeskanzler Scholz, gehört die kritische Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus zum offiziellen Politikfeld der Erinnerungskultur. Im Berliner Stadtschloss widmet sich das Humboldt Forum der Reflexion über die deutsche Kolonialgeschichte. Hinsichtlich des Völkermords an den indigenen Völkern während der deutschen Kolonialherrschaft in Afrika hat die Bundesregierung ihre bisherige Haltung geändert und betreibt nun aktiv Wiedergutmachung. Darüber hinaus finanzieren Landesregierungen Projekte zur Umbenennung von Straßen, die nach Kolonialismus-Befürwortern benannt sind.
Die deutsche Kolonialgeschichte in China war zwar von kurzer Dauer, doch ihre Auswirkungen waren tiefgreifend. Wie die renommierte Sinologin Professorin Mechthild Leutner von der Freien Universität Berlin betont, sind sie sogar in der heutigen deutschen Wahrnehmung und Haltung gegenüber China verwurzelt – einschließlich der Einstellungen während der COVID-19-Pandemie und in Handelskonflikten. Vom 8. bis 9. Mai 2026 fand in Berlin daraufhin die internationale Konferenz „Deutscher Kolonialismus in China und der Kolonialkrieg 1900/1901: Perspektiven aus Wissenschaft, Politik und Kunstgeschichte der Gegenwart“ statt. Mehr als zwanzig Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von über zehn Hochschulen und Forschungseinrichtungen beider Länder nahmen teil, darunter die Peking-Universität, die Renmin-Universität China, die Beijing Foreign Studies University, die Shandong-Universität, die Freie Universität Berlin, die Humboldt-Universität zu Berlin, die Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, die Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, das Palastmuseum Peking und die Staatlichen Museen zu Berlin. Die Disziplinen umfassten Geschichte, Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft, Museologie und Digital Humanities.
Die Konferenz wurde unter anderem von Professorin Leutner und Professorin Pan Lu, Direktorinnen des Konfuzius-Instituts an der Freien Universität Berlin, initiiert. Ihr Ziel war es, einen intensiven akademischen Dialog zwischen chinesischen und deutschen Gelehrten auf dem Gebiet der Kolonialgeschichtsforschung zu fördern. Lange Zeit entwickelten sich die deutsche „postkoloniale“ Forschungstradition und der chinesische Rahmen der „Geschichte als Spiegel der Gegenwart“ parallel, ohne effektiven interdisziplinären Dialog hergestellt zu haben. Die Konferenz zielte darauf ab, diese Barrieren zu durchbrechen und zwei zentrale Themen in einen einheitlichen akademischen Horizont zu integrieren: den aktuellen Forschungsstand zum deutschen Kolonialismus in China gegen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts sowie die gegenwärtige Darstellung, Reflexion und Erinnerungskultur bezüglich der Kolonialgeschichte. Die sechs konkreten Themenschwerpunkte der Tagung waren: Koloniale Gewalt und Raumpolitik, die Materialität von Architektur, Denkmälern und kolonialen Symbolen, postkoloniale Erinnerung und öffentlicher Raum, literarische Repräsentation und koloniales Trauma, Digital Humanities und die Rückführung von Archiven sowie Familienerinnerung und Generationentransfer.
Professorin Meng Hong, Mitglied des Ständigen Vorstandes der Chinesischen Vereinigung der deutschen Geschichte, Senior Research Fellow am Europäischen Forschungszentrum für Europastudie der Renmin-Universität China, hielt einen Vortrag mit dem Titel „Deutsche Architektur im späten Kaiserreich Peking als Medium des deutschen Kolonialismus und ihre Auswirkungen“. Darin untersuchte sie die Funktion von Architektur als kulturelles Gedächtnis und materieller Träger kolonialer Diskurse. Sie wies darauf hin, dass deutsche Bauten der späten Qing-Dynastie nicht nur funktionale Raumkonstruktionen darstellten, sondern vielmehr eine Visualisierung kolonialer Macht waren. Stilwahl, räumliche Anordnung und dekorative Elemente trugen imperialistische Ideologie in sich. Gleichzeitig verdeutlichten die nach der „Neuen Politik“ der Qing-Regierung entstandenen deutschen Bauwerke und städtebaulichen Projekte den Einfluss Deutschlands als Modernisierungsvorbild. Professor Sun Lixin von der Fakultät für Geschichte und Kultur der Shandong-Universität beleuchtete in seinem Vortrag „Die Jinpu-Eisenbahn und die chinesisch-deutschen Verhandlungen“ aus infrastruktureller Perspektive den Eisenbahnbau im Rahmen des chinesisch-deutschen diplomatischen Machtspiels. Er analysierte die doppelte Natur der Eisenbahn als Werkzeug kolonialer Moderne – sowohl als Kanal wirtschaftlicher Ausbeutung als auch als Symbol technischer Zivilisation – und enthüllte damit die Komplexität kolonialer Machtausübung. Professor Li Xuetao vom Institut für Globalgeschichte der Beijing Foreign Studies University, der auch Mitglied der deutschen Nationale Akademie der Wissenschaften ist, präsentierte unter dem Titel „Vom Ereignis zum Denkmal: Das Ketteler-Denkmal und die Erinnerung an den Boxerkrieg in China und Deutschland“ den symbolischen Transformationsprozess des Ketteler-Denkmals von einem kolonialen Monument zum „Tor zur Verteidigung des Friedens“. Er analysierte eingehend die Rekonstruktion der Bedeutung desselben materiellen Objekts in unterschiedlichen politischen Kontexten und enthüllte die materielle Grundlage der Erinnerungspolitik.
Forscherin Yuan Hong vom Palastmuseum Peking stellte in ihrem Vortrag „Transnationale Kooperationspraxis des Forschungszentrums für Übersee-Kulturgüter des Kaiserpalastes“ die institutionellen Bemühungen zur Förderung der chinesisch-deutschen Forschungskooperation auf dem Gebiet der Kulturgüter vor. Herr Zhang Jinyan von der China National Publications Import & Export (Group) Corporation erläuterte die Besonderheiten des „Global China-Related Archives Digital Return Project“. Er wies darauf hin, dass dieses Projekt mithilfe digitaler Methoden China-bezogene Archivalien weltweit systematisch erschließt und digitalisiert. Damit sollten neue methodologische Werkzeuge und Datengrundlagen für die Kolonialgeschichtsforschung bereitgestellt werden, was einen Wandel der Kolonialgeschichtsforschung von der traditionellen Archivauswertung hin zum Aufbau digitaler Infrastrukturen markiert. Frau Yu Fang vom Qingdao-Nachfahren-Bund für deutsch-chinesische Freundschaft teilte in ihrem Beitrag „Gedanken zur gemeinsamen Spurensuche mit den Nachkommen ehemaliger deutscher Bewohner Qingdaos“ eindrucksvoll praktische Erfahrungen der zivilgesellschaftlichen chinesisch-deutschen Erinnerungsarbeit.
In der Diskussionsrunde vertieften die Teilnehmer den theoretischen Dialog zu Fragen wie dem komparativen Rahmen der Kolonialgeschichte, der Politik der Erinnerung, interdisziplinären Methodologien sowie den Grenzen zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit. Die anwesenden Wissenschaftler waren sich weitgehend einig, dass die Einbettung des deutschen Kolonialismus in China in einen globalen, vergleichenden Rahmen der Kolonialgeschichte dazu beitrage, die Grenzen nationalgeschichtlicher Perspektiven zu überwinden und Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede zwischen verschiedenen Kolonialmodellen aufzuzeigen. Die Konferenz griff wiederholt zentrale Fragen wie „Wer hat das Recht zu erinnern?“ und „Wie soll erinnert werden?“ auf, was die Asymmetrie der kolonialen Erinnerung zwischen Deutschland und China widerspiegelt – Deutschland als ehemalige Kolonialmacht und China als kolonisiertes Objekt. Diese Asymmetrie bestimmt die Komplexität des Dialogs, doch gerade diese Asymmetrie und ihre gegenwärtigen Auswirkungen begründen die Notwendigkeit des Dialogs.
Das zeittägige Workshop zeigt sein besonderes Merkmal in seiner Interdisziplinarität: Die zeitliche Tiefe der Geschichtswissenschaft, die materielle Analyse der Kunstgeschichte, die Textlektüre der Literaturwissenschaft, die Provenienzforschung der Museologie und die technologische Ermächtigung der Digital Humanities bildeten gemeinsam eine multidimensionale methodologische Matrix zum Verständnis der Kolonialgeschichte. Die Teilnehmer waren sich einig, dass die Kolonialgeschichtsforschung nicht auf den akademischen Elfenbeinturm beschränkt bleiben dürfe, sondern sich aktiv am öffentlichen Diskurs beteiligen solle, um eine Wissensgrundlage für politische Entscheidungsfindung, historische Bildungspraxis und interkulturelle Kommunikation zu liefern.
(Der Beitrag stammt von Meng Hong, Professorin an der Renmin-Universität. Die Meinung der Autorin spiegelt nicht notwendigerweise die Position unserer Webseite wider.)