20-05-2026
Lüftungssystem, zentrale Klimaanlage, Skulpturen, Wandmalereien und Gestaltung nach der Morandi-Farbpalette – so sehen einige der neuen Märkte in China nach ihrer Umgestaltung aus.
Durch Flächenerweiterung, Neugestaltung und Funktionsbündelung haben sich in den letzten Jahren an vielen Orten ehemals monofunktionale Bauernmärkte grundlegend gewandelt. Doch welche konkreten Veränderungen sind erfolgt und welche Auswirkungen haben diese?
Ein neues „Frischegefühl“ durch Renovierung
Zhong Shuru, außerordentliche Professorin an der Tourismus-Fakultät der Zhongshan-Universität, erforscht seit über zehn Jahren Lebensmittelmärkte. Nach ihrer Einschätzung gibt es drei Formen der aktuellen Renovierungen der Märkte: einfache Erneuerung der physischen Umgebung, Einführung neuer Geschäftsformen und der Umbau zu nachbarschaftlichen Zentren mit umfassendem Serviceangebot.

Der Wener-Markt in Hangzhou, Provinz Zhejiang, ist nach der Renovierung mit Defibrillatoren ausgestattet, 19. April 2026. (Xinhua/Cao Ze)
Hier in der Stadt Taizhou der Provinz Zhejiang hat der Wanjichi-Markt umgerechnet rund 4 Millionen Euro in Renovierung und Modernisierung gesteckt, eine zentrale Klimaanlage sowie ein Lüftungssystem installiert. Laut dem zuständigen Mitarbeiter der Marktaufsichtsbehörde fördere die Provinz Zhejiang angesichts des demographischen Wandels Renovierungen, die allen Altersgruppen zugutekommen und die Barrierefreiheit verbessern. Aktuell verfügen die 1.523 Bauernmärkte der Provinz über 767 barrierefreie Zugänge, 485 Defibrillatoren und 1.092 hochwertige Toiletten.
In der Stadt Hefei, der Hauptstadt der ostchinesischen Provinz Anhui, wurde der Siwan-Markt mit Anlagen für Brandschutz und Echtzeitüberwachung ausgerüstet, um Geschäftsinhabern wie Kunden eine sichere Einkaufsumgebung zu bieten. Anwohner Zhang Shouping befindet gegenüber Reportern, der Markt werde nach der Renovierung nun professioneller betrieben und das Serviceangebot sei breiter.
So wie diese Markthalle wurden viele Märkte in ganz China renoviert und optisch aufgewertet. Durch stilvolle neue Einrichtung, thematische Gestaltungen und die Einführung verschiedener Geschäftsformen haben sie sich zu beliebten Anlaufstellen für die Anwohner entwickelt und die Betriebe zudem nicht nur ihren Kundenstamm erweitert, sondern auch ihre Gewinne gesteigert.
„Die Transformation von dreckigen chaotischen Lebensmittelmärkten zu sauberen und einladenden Orten ist eine essenzielle Bedingung für organische Quartiersentwicklung in einer Stadt“, erklärt Huang Liuying, außerordentliche Professorin an der Fakultät für Management der Zhejiang-Universität. Sie findet, die Renovierung und Aufwertung der Märkte zu lokalen Dienstleistungszentren bewirke vor allem, dass die Märkte sorgfältiger und professioneller geführt würden. Mithilfe intelligenter Systeme zur Rückverfolgung von Produkten werde die Lebensmittelsicherheit besser gewährleistet und durch Integration neuer Angebote das Spektrum der Dienstleistungen ausgeweitet.
In den vergangenen Jahren haben sich die Märkte nicht nur physisch gewandelt, sondern sich durch das Internet auch zunehmend digitalisiert. Der Leiter des Instituts für Architektur an der Beijinger Jiaotong-Universität, Professor Sheng Qiang, bezeichnet diese markanten Veränderungen der Märkte als „E-Commercialisierung“. Diese umfasst nicht nur neuartige Frischemärkte mit integrierten Lagerräumen wie Hema oder 7FRESH, sondern auch Geschäfte wie Dingdong Maicai oder Xiaoxiang, die aus ihren Lagern vor Ort per Online-Bestellung direkt zum Kunden liefern. Außerdem finden immer mehr Gruppenbestellungen zur Selbstabholung Verbreitung, die als neue Art des Einkaufens alte Straßenmärkte ersetzen.
Renovierungen bringen auch Probleme mit sich
Viele ältere Menschen sind gewohnt, einfach schnell einzukaufen, was ihnen beim Kochen gerade fehlt. Mit der Zusammenfassung kleinerer Märkte in größeren integrierten Zentren kann diesem Bedürfnis nach Einkaufsmöglichkeiten in der unmittelbaren Umgebung nur noch schwer nachgekommen werden.

Anwohner und Touristen testen am 8. Jan. 2026 das Essen in der Songyun-Fressgasse des Wener-Markts in Hangzhou, Provinz Zhejiang. (Foto von Xinhua)
Huang weist darauf hin, dass solche bequemen Einkaufsmöglichkeiten zwar zunächst banal wirken, im Alltag von Senioren aber eine unverzichtbare Konstante darstellen. Sobald kleine Märkte und Dienstleistungsbetriebe in weiter entfernten großen Zentren zusammengefasst und damit „aufgewertet“ würden, entrückten sie der Lebensweise von Teilen der Bevölkerung.
So beschwert sich bspw. Jiao in Xicheng, Beijing, der auf der Suche nach einem Schlüsseldienst schon durch einige Straßen gelaufen ist: „Wenn ich früher Schuhe reparieren oder einen Schlüssel nachmachen lassen wollte, bin ich einfach schnell zum Markt im Erdgeschoss runtergegangen. Aber diese kleinen Stände dort sind alle verschwunden.“
Das allmähliche Verschwinden dieser kleinen Dienstleistungen auf den Straßen und Gassen hat vielen Älteren die Gemächlichkeit des Alltags genommen und die Neuerungen der renovierten, aufgewerteten Märkte überfordern einige Senioren. So gilt zum Beispiel die Einführung von mobilem Bezahlen auf einigen modernisierten Märkten als großer Vorteil, führt aber gleichzeitig zu einer „digitalen Kluft“, da einige ältere Menschen so ausgeschlossen werden. Frau Han aus dem Pekinger Viertel Dongsi bspw. beharrt, nachdem sie auf dem Qihao-Markt ihr Gemüse ausgesucht hat, auf der Barzahlung, bringt die Standbetreiber so aber in Schwierigkeiten, genug Wechselgeld zurückzugeben: „Ich werde nicht mit dem Handy bezahlen!“
Sheng Qiang ist der Meinung, Senioren, die keine Smartphones benutzen, vor Ort einkaufen und bar bezahlen, stehen sowohl beim Online-Handel mit frischen Produkten als auch bei den großen integrierten „neuen Märkten“ vor einer unsichtbaren „digitalen Mauer“.
„Die Aufwertung eines Markts bedeutet nicht, nun einfach nobel und westlich auszusehen“, reflektiert Wu Xianjin, Verantwortlicher des Daguan-Zhuanxin-Agrarmarkts in Kunming, den Umgestaltungsprozess. Er hatte viele Überlegungen für einen Umbau zu einem trendigen und hochwertigen Markt angestellt. Doch da hierdurch die Mieten steigen würden, die Betreiber sich ihre Stände nicht mehr leisten könnten und auch die Menschen solche hohen Preise nicht bereit seien zu zahlen, sei eine „Modernisierung“ solcher Art überhaupt nicht sinnvoll.
Wie die Form ändern, ohne die Funktion zu beeinträchtigen?
„Die Grundlage eines Lebensmittelmarkts ist sein eigenes Viertel, an dessen Eigenschaften muss sich die Entwicklung des Markts orientieren“, macht Zhong klar. Eine Modernisierung sollte sich nicht nach den Bedürfnissen von Influencern richten, während die Servicefunktion für die Anwohner vernachlässigt wird.
Doch wie genau kann eine Umgestaltung aussehen, damit der Markt seine Kernaufgabe – die Grundversorgung der lokalen Bevölkerung – weiter erfüllen kann? Einige Städte zeigen beispielhaft, wie es gehen kann.

Der belebte Essbereich des Daguan-Zhuanxin-Agrarmarkts in Kunming, Provinz Yunnan, 2. Februar 2026. (Xinhua/Zhao Pufan)
Xu und ihr Mann im Beijinger Bezirk Chaoyang sind extra zum Fangzhuang-Markt an der zweiten Ringstraße gekommen: „Während wir Essen einkaufen, können wir gleich noch die Batterie der Armbanduhr wechseln, den Wasserkocher reparieren und die Hosen kürzen lassen. Alles in einem Zug erledigt!“ Aus ihrer Sicht sei dieser alte Markt, der ebenfalls von der Straße in eine Halle gezogen ist, bequemer als Supermärkte oder Einkaufszentren. Vom Schlüsseldienst über Uhren- und Elektrogerätereparatur bis hin zum Friseur und Haushaltswarengeschäften gibt es hier nichts, was man nicht finden kann.
Ein Lebensmittelmarkt ist Existenzgrundlage der Standbetreiber, Esstisch von Familien und sorgt für eine lebendige Atmosphäre in der Stadt. Umgestaltung muss hier nicht übermäßig exquisit sein, die Märkte müssen modernisiert werden, sich dabei aber trotzdem selbst treu bleiben.