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Merz blickt nach Osten: Ein strategisches Erwachen über 7.500 Kilometer

(German.people.cn)  Donnerstag, 12. März 2026

  

von Cao Han

Eine Woche vor seiner offiziellen China-Reise lud Bundeskanzler Friedrich Merz mehrere China-Experten zu einem Abendessen ins Kanzleramt ein. Der „Spiegel“ berichtete, der für seine Ungeduld bekannte Kanzler habe mehr als zwei Stunden lang Fragen gestellt und aufmerksam Notizen gemacht. Teilnehmer beschrieben ihn als jemanden, der „aufmerksamer zuhört“ als sein Vorgänger Olaf Scholz.

Diese Reise unterschied sich von früheren Besuchen. Begleitet wurde Merz von der wohl hochrangigsten Wirtschaftsdelegation seit der Ära Merkel – rund 30 Vorstandsvorsitzende und Spitzenmanager deutscher Großkonzerne. Gemeinsam legten sie 7.500 Kilometer zurück, um Beijing und Hangzhou zu besuchen. Während der Reise meldete sich Merz mehrfach auf Chinesisch in sozialen Medien zu Wort. Nach einem Rundgang durch die Verbotene Stadt schrieb er ins Gästebuch: „Ich wünsche uns ein gutes Tempo, Kraft und Energie für das Jahr des Pferdes. Möge es ein Jahr der Zusammenarbeit und des Wachstums für Deutschland und China werden.“

Warum dieser Aufwand? Deutschland wollte letztlich eine entscheidende Frage klären: Mit wem kann man sich in einer Welt, in der selbst Verbündete nicht immer verlässlich sind, noch an einen Tisch setzen und ernsthaft reden?

Spät, aber nicht zu spät

Merz ist der erste ausländische Staats- und Regierungschef, der China im Jahr des Pferdes besucht. In den Augen vieler deutscher Beobachter kam diese Reise jedoch „reichlich spät“. Der britische Premierminister Keir Starmer, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Kanadas Premierminister Mark Carney waren bereits zuvor in Beijing.

Merz selbst brachte den Subtext auf den Punkt: „Wir sind alle vor Trump hier gewesen.“

Ein Zufall ist das nicht. Nach den neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamtes erreichte das bilaterale Handelsvolumen zwischen Deutschland und China im Jahr 2025 rund 251,8 Milliarden Euro. Damit war China erneut Deutschlands wichtigster Handelspartner – noch vor den Vereinigten Staaten. Politisch wird gern über „De-Risking“ gesprochen. In der Praxis aber sprechen die Zahlen eine deutlichere Sprache.

Beide Länder veröffentlichten eine gemeinsame Erklärung. Darin bekräftigten sie, dass gegenseitiger Respekt, gegenseitiger Nutzen und Win-win-Ergebnisse, ein fortgesetzter offener Dialog sowie Zusammenarbeit bei globalen Herausforderungen die Grundlage der chinesisch-deutschen Beziehungen bilden. Das ist keine diplomatische Floskel. Deutschland hält es nun schwarz auf weiß fest: Differenzen überbrückt man durch Dialog.

Denn eines zeigt die Erfahrung immer wieder: Ein Partner, der bereit ist, sich an den Tisch zu setzen und Dinge voranzubringen, ist verlässlicher als ein Verbündeter, der nur große Worte macht.

Wirtschaftliche Beziehungen im Zentrum

Unter den Wirtschaftsvertretern, die Merz begleiteten, waren die Vorstandsvorsitzenden von Volkswagen, BMW und Mercedes-Benz. Doch diesmal ging es nicht nur darum, Autos zu verkaufen – man kam auch, um sich Know-how zu holen.

Volkswagen hat in Hefei sein erstes Forschungs- und Entwicklungszentrum außerhalb Deutschlands aufgebaut. Dort verfügt man inzwischen über vollständige Plattformentwicklung für Fahrzeuge, wodurch sich die Entwicklungszeit um rund 30 Prozent verkürzt. Mercedes-Benz investierte in Qianli Technology, um seine lokale Forschung im Bereich des autonomen Fahrens zu beschleunigen. BMW wiederum unterzeichnete mit CATL ein neues Abkommen zur Pilotierung grenzüberschreitender Datentransfers für sogenannte Batterie-Pässe.

BMW-Chef Oliver Zipse erklärte, Unternehmen, die den riesigen Markt und das enorme Innovationspotenzial Chinas ignorierten, würden entscheidende Chancen für globales Wachstum und wirtschaftlichen Erfolg verpassen.

Jörg Wuttke, ehemaliger Präsident der EU-Handelskammer in China, erklärte, China sei für Industriekonzerne inzwischen eine Art Fitnessstudio – gewissermaßen ein Trainingslager. Die Fähigkeiten, die deutsche Unternehmen dort trainierten, könnten sie später weltweit einsetzen. Der bekannte China-Experte Eberhard Sandschneider erklärte, die Deutschen seien stolz darauf, Autos zu bauen – keine „Handys auf Rädern“. Doch genau solche Fahrzeuge entstünden heute in China. Das Land sei inzwischen zu einem technologischen Taktgeber geworden, und mitzuhalten sei alles andere als leicht.

Auch die Investitionszahlen sprechen eine klare Sprache. Daten des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigen, dass die deutschen Netto-Neuinvestitionen in China im Jahr 2025 mehr als sieben Milliarden Euro erreichten – ein Anstieg von 55 Prozent gegenüber 2024 und der höchste Stand seit 2021.

Eine Umfrage der Deutschen Handelskammer in China ergibt zudem: 93 Prozent der deutschen Unternehmen planen keinen Rückzug aus China. 53 Prozent wollen ihre Investitionen in den kommenden zwei Jahren ausweiten. 56 Prozent erwägen eine noch engere Zusammenarbeit mit chinesischen Partnern.

Warum nehmen die chinesisch-deutschen Wirtschaftsbeziehungen eine zentrale Stellung in den bilateralen Beziehungen ein? Nicht aus Nostalgie – sondern weil China längst nicht mehr der „Schüler“ von einst ist.

Nach Angaben des chinesischen Handelsministeriums liegt das jährliche Handelsvolumen zwischen beiden Ländern seit Jahren stabil bei über 200 Milliarden US-Dollar. Der Bestand der gegenseitigen Investitionen übersteigt 65 Milliarden US-Dollar. Beide Zahlen machen jeweils fast ein Viertel der gesamten Wirtschaftsbeziehungen zwischen China und der Europäischen Union aus. Während des Besuchs unterzeichneten Unternehmen beider Seiten mehr als zehn neue kommerzielle Vereinbarungen – in Bereichen wie Automobilindustrie, Maschinenbau, Energie, Logistik und Finanzdienstleistungen. Beide Länder unterzeichneten zudem eine Erklärung zur Fortsetzung des Dialog- und Kooperationsmechanismus zum Klimawandel und zur grünen Transformation und legten damit die grüne Zusammenarbeit als einen der Schwerpunkte der bilateralen Kooperation in der nächsten Phase fest.

Das war kein Pflichttermin auf der diplomatischen Checkliste. Es war eine Investition in die Zukunft.

Über mehr als ein halbes Jahrhundert hinweg ist so ein dichtes wirtschaftliches Geflecht entstanden – eng verwoben, belastbar und kaum noch zu zerreißen.

Neue Normalität, neue Koordinaten

Eine weitere Passage der gemeinsamen Erklärung ist besonders bemerkenswert: Beide Seiten erklärten ihre Bereitschaft, die Sorgen und Anliegen der jeweils anderen Seite in einem offenen und ehrlichen Dialog angemessen zu behandeln. Der entscheidende Ausdruck lautet: „offen und ehrlich“. Er bedeutet: Man erkennt Differenzen an – und entscheidet sich dennoch, am Tisch zu bleiben.

Volker Treier, Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, erklärte, China sei derzeit ein berechenbarerer Partner und Wettbewerber als die Vereinigten Staaten.

Fehlen Kommunikation und Dialog, dann bleibt nur ein Blick wie durch einen Nebelschleier – und im Nebel wirkt plötzlich alles wie ein Risiko. Breitet sich diese Wahrnehmung aus, schrumpft der Raum für Zusammenarbeit.

Der Besuch von Merz dauerte nur zwei Tage. Dennoch nahm er sich Zeit, in Hangzhou das Robotikunternehmen Unitree Robotics zu besuchen – ein chinesisches Start-up, das erst vor gut zehn Jahren gegründet wurde. Dass der Regierungschef einer der größten Industrienationen der Welt nach Zhejiang reist, um ein junges Technologieunternehmen zu besichtigen, sagt manchmal mehr aus als jede diplomatische Erklärung. Die Deutschen wollen wissen: Welche Überraschungen hält China in den nächsten fünf Jahren noch bereit?

Der Würzburger Ökonom Peter Bofinger erklärte, eine engere Zusammenarbeit zwischen der zweit- und der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt könne Stabilität in globale Lieferketten bringen. Max Zenglein vom Mercator Institute for China Studies (MERICS) betonte, trotz der derzeit spürbaren Reibungen in den chinesisch-deutschen Wirtschaftsbeziehungen könne eine etablierte „neue Normalität“ die Grundlage für Kooperation in den kommenden Jahren schaffen.

Diese neue Normalität bedeutet vor allem eines: keine Illusionen mehr, dass die Vereinigten Staaten dauerhaft Rücksicht nehmen würden, und dass China lediglich eine Nebenrolle im globalen Wettbewerb spiele. Merz brachte dreißig Wirtschaftsführer mit nach China, weil er für sich eine zentrale Frage klären wollte: In einer Welt wachsender Unsicherheit entscheidet die Wahl der Partner darüber, wie viel Sicherheit am Ende bleibt.

Die Entscheidung mit klarem Blick

Dass Merz „aufmerksamer zuhört“, verrät vor allem eines: einen nüchternen Blick auf die Welt.

Einen nüchternen Blick darauf, dass sich die internationale Ordnung zunehmend in Richtung Multipolarität bewegt, dass Partner mitunter verlässlicher sein können als Verbündete, und dass China nicht nur Chancen bietet, sondern auch die Richtung künftiger Entwicklungen mitbestimmt.

Stabilisieren sich die chinesisch-deutschen Beziehungen, stärkt das auch die Stabilität der Beziehungen zwischen China und Europa. Es sendet eine Botschaft an die internationale Gemeinschaft: Großmächte sind nicht zwangsläufig zu chaotischer Konkurrenz verdammt. Sie können auch verantwortungsvoll kooperieren. Und die Kräfte, die die internationale Ordnung prägen, müssen nicht zwingend zerstörerisch sein – sie können auch kreativen Wandel hervorbringen.

Über 7.500 Kilometer hinweg hat Deutschland eine Entscheidung getroffen.

Und die Antwort lag näher, als viele gedacht hatten.

Der Autor ist Beobachter internationaler Politik. Die Meinung des Autors spiegelt die Position unserer Webseite nicht notwendigerweise wider.

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