Trotz wachsendem Wohlstand hat eine Mehrheit der chinesischen Bevölkerung ihren Glauben an die Gesellschaft verloren. Zu diesem Schluss kommt eine Umfrage der People’s Tribune. Die Regierung ist daran nicht ganz unschuldig.
Als einer der Hauptgründe für ihre mangelnde Zuversicht gaben 24 Prozent der Befragten das Glaubwürdigkeitsdefizit ihrer Regierung an. Gleich 80 Prozent erachten die chinesische Gesellschaft als „ungesund“, und etwas über 40 Prozent glauben, dass eine Glaubwürdigkeitskrise die Gesellschaft krank macht.
Als „Symptome“ für diese Entwicklung geben die meisten Befragten das Misstrauen in „was immer die Regierung sagt“ an. Auf den Plätzen zwei bis vier folgen „das Misstrauen der Menschen untereinander“, „Zweifel an der Lebensmittel- und Arzneimittelsicherheit“ sowie das Misstrauen in „die Berufsethik der Ärzte“.
Mangelndes Vertrauen ist der Umfrage der People’s Tribune zufolge das derzeit größte Problem in China. Auf die Frage, auf welche Personengruppe dieses Attribut am meisten zutrifft, antwortete mehr als die Hälfte, die Regierungsbeamten. Viele der Befragten wurden offensichtlich vom Fall des selbsternannten Qigong-Meisters Wang Lin beeinflusst, der von sich behauptet, übernatürliche Kräfte zu besitzen. Im Sommer veröffentlichte Fotos, die Wang zusammen mit Regierungsbeamten und sonstigen Bekanntheiten zeigen, dürften wesentlich zu diesem Ergebnis beigetragen haben.
Der Aberglaube im Beamtentum ist laut der Umfrage ein Spiegelbild für die weitverbreitete Korruption in Regierungskreisen. Als Grund für ihren Vertrauensverlust gaben fast 50 Prozent der Befragten „unbestraftes unmoralisches Verhalten“ an, knapp 21 Prozent nannten die profitorientierte Marktwirtschaft.
Als weiteres gesellschaftliches Übel wurde von rund einem Drittel extremes, gewalttätiges und asoziales Benehmen genannt. Den Befragten zufolge leiden vor allem sozial Benachteiligte darunter. Den Hauptgrund für dieses Verhalten sehen die meisten in „der wachsenden sozialen Ungleichheit und dem Gefühl der Benachteiligung“.
Die aktuell zehn größten Probleme der chinesischen Gesellschaft lauten gemäß der Umfrage der People’s Tribune wie folgt:
1. Vertrauensverlust
2. Gleichgültiges Verhalten
3. Ängste über Arbeit, Leben und Zukunft
4. Notorisches Misstrauen
5. Prahlerei
6. Das Auskosten von Skandalen
7. Hedonismus
8. Extremes, gewalttätiges und asoziales Benehmen
9. Internetsucht
10. Masochismus, Beschwerden über die Partei und das politische System
„Donner-Eroberer" Rehage: Zu Fuß aus der AnonymitätEr hat Sinologie studiert, China durchlaufen und nun auch noch auf Chinesisch ein Buch geschrieben. Von Deutschland ins Reich der Mitte zu ziehen, kann sich Christoph Rehage dennoch nicht so recht vorstellen. Neue Ufer locken.